24. August 2015, 13:05

„Dieser Match ist das beste Lehrbeispiel für Coaches!“

Roger Federer Yves Allegro

Von Yves Allegro, 37, früherer Doppelspezialist und Schweizer Davis-Cup-Spieler. Aktuell Nachwuchschef U14, ab 1. September Headcoach bei Swiss Tennis.

Wie viele andere auch, habe ich gestern Abend das Finalspiel zwischen Roger Federer und Novak Djokovic in Cincinnati geschaut. Ich dachte mir zwar schon vorher, dass Roger gewinnen könnte - er hatte die ganze Woche mehr als überzeugend gespielt, während Djokovic doch eher schlechter spielte, als wir es von ihm gewohnt sind. Ausserdem liegt der Belag von Cincinnati Federer, er kommt seinem Spiel ideal entgegen. Aber was Roger dann geboten hat, das hätte man sich vorher nicht zwingend so gedacht.

Roger Federer ist 34 Jahre alt. In dem Alter haben viele andere Spitzensportler, insbesondere in einer solch intensiven Sportart wie Tennis, ihr Racket oder Sportgerät schon länger an den Nagel gehängt. Nicht so Roger, der jeden Tag wieder aufs Neue beweist, dass er das Tennisspiel ganz einfach liebt. Wie sonst ist es zu erklären, dass er, der 17-fache Grand-Slam-Sieger, der praktisch jeden Rekord im Tennis schon einmal gebrochen hat, „sein“ Spiel stets weiterentwickelt und in einem solch wichtigen Spiel Gegner, Fans und Experten mit einer unglaublich aggressiven Taktik überraschte? Dass Novak Djokovic, auf das extrem offensive Spiel Federers angesprochen, gar nichts dazu sagen wollte, ist bereits sehr bezeichnend: er war ganz einfach komplett ausgespielt worden, wurde sozusagen von der neuen Taktik kalt erwischt und aus dem Konzept gebracht. Und das beim 41. Aufeinandertreffen der beiden!

In der Nachwuchsarbeit bei Swiss Tennis versuchen wir, den Junioren den bestmöglichen Rucksack für ihre spätere Karriere mitzugeben. Roger gilt natürlich in vielerlei Hinsicht als Vorbild, aber wenn ich aus dem gestrigen Match die Quintessenz für die Nachwuchstalente herausziehen sollte, dann ist es folgendes: Willst du Erfolg haben, musst du an dir und deinem Spiel arbeiten – immer und immer wieder. Du musst dir im Vorfeld Gedanken machen, wie du gegen deinen nächsten Gegner antreten willst, dich für eine Taktik entscheiden – und diese dann aber konsequent durchziehen, auch wenn es nicht immer funktioniert. Du musst an dein Training glauben und den Sieg wollen – nicht darauf hoffen, dass der Gegner dir Geschenke gibt und du eine mögliche Schwäche deines Gegenübers dann ausnützen wirst.

Manchmal habe ich das Gefühl, wir Schweizer gehen sehr oft mit der Einstellung „ich will nicht verlieren“ auf den Platz. Das ist falsch! Die Einstellung muss immer sein „ich will gewinnen!“. Das hat Roger gestern einmal mehr gezeigt: er wollte diesen Sieg und hatte den Mut, etwas Neues einzubringen. Das war aber keine spontane Idee, sondern das Ergebnis von intensiven Diskussionen mit seinen Coaches, Überlegungen und viel, viel Training. Und dem Ansporn, auch mit 34 und als bester Tennisspieler der Geschichte noch Neues lernen zu wollen, um noch besser zu werden. Und sich zu 100% darauf einzulassen, sich nicht mit halben Sachen zufriedengeben. Und genau das macht den Match von gestern nicht nur zu einem guten Beispiel für die Junioren, sondern insbesondere ist er auch ein perfektes Lehrbeispiel für Coaches. Denn auch sie müssen diese Einstellung verinnerlicht haben, um den Jungen das richtige Rüstzeug mit auf den Weg zu geben. Damit sie die Freude am Tennisspiel jeden Tag wieder aufs Neue ausleben können – und wollen.

Highlights Federer - Djokovic, Endspiel Cincinnati, 23. August 2015

 

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Kommentare

As a Nole fan I have to fully agree. Stan applied the same in RG final; Nole was too defensive there too. By now he must have also realized that he needs to be more aggressive (something like in Wimbledon final) otherwise the match is out of his control, as it only depends on the winner/unforced and first serve ratio of the opponent. Obviously Roger is the One to master these.

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