15. Oktober 2015, 14:38

Kinder haben auch nicht vom Kindergarten bis zur Uni die selben Lehrer – warum also sollten Junioren bis zur Profikarriere den gleichen Coach haben?

 

Das Schlagwort "stufengerechte Athletenausbildung" ist in aller Munde. Aber was bedeutet das ganz konkret und wie setzt Swiss Tennis diese um?
von Alessandro Greco, Leiter Spitzensport bei Swiss Tennis 

Mit der „stufengerechten Athletenausbildung“ ist gemeint, dass Coaches sich generell auf die Ausbildung einer bestimmten Altersgruppe fokussieren und sich dementsprechend auf eine Kernaufgabe spezialisieren sollen. Dabei muss sichergestellt werden, dass der jeweilige Athlet zum richtigen Zeitpunkt an die nächsthöhere – und dafür geeignete – Ausbildungsstufe übergeben wird und der meist emotionale Ablösungsprozess so reibungslos wie möglich abläuft. Wichtig ist, dass gehandelt werden sollte, bevor die – ganz natürlichen - limitierenden Faktoren einer Person oder eines (Regional-)Verbandes die Entwicklung eines Athleten hindern.

Handeln, nicht nur reden
Unter Fachspezialisten ist man sich einig, dass man nicht nur darüber sprechen, sondern zu gegebenem Zeitpunkt auch handeln muss, denn was in der Grundschulausbildung  unter Lehrern selbstverständlich ist – oder kennt ihr zufälligerweise jemand, der vom Kindergarten bis zum Universitätsabschluss ein und denselben Lehrer hatte? – ist unter Tenniscoaches in der Regel ein Tabuthema. Und da steht die kleine Schweiz nicht allein da. Ausnahmetalente oder zumindest sehr begabte TennisspielerInnen sind selten. Dazu kommt, dass sie meistens im ganzen Land verstreut leben. Wie kann man aber sicherstellen, dass sie ihr ganzes Potential nutzen und sich auch regelmässig mit den Besten messen können?
Es ist immer einfach, anderen die guten Ratschläge zu geben. Was aber, wenn man selber, wenn eigene Athleten in dieser Situation stehen und „man“ sich nicht mehr adäquat um die individuelle Weiterentwicklung kümmern kann?

Die Maxime der stufengerechten Ausbildung gilt selbstverständlich auch für die Abteilung Spitzensport von Swiss Tennis. Der Verband will und soll dabei eine klare, pro-aktive Vorbildfunktion wahrnehmen und sicherstellen, dass Athleten, die die Struktur des Nationalen Leistungszentrums (NLZ) durchlaufen und sich überdurchschnittlich gut entwickeln, ab einem bestimmten Zeitpunkt individuell gefördert werden. Diese individuelle Förderung erhöht klar die Chancen auf ein Erreichen der Top 100.

Jedoch ist die Rolle des Nationalen Leistungszentrums in Biel unbestritten diejenige eines Nachwuchsverbandes. Dies bedeutet, dass den grössten Talenten schweizweit die bestmöglichste Ausbildung ab dem 14. Altersjahr geboten werden soll, nachdem eine solide Grundausbildung der Junioren durch die „Partner Academies“ oder verschiedensten privaten Tennisschulen sichergestellt wurde. Ist ein Kadermitglied dann jedoch „bereit“, es als Profi zu versuchen oder hat die ersten Schritte bereits absolviert, dann reichen auch die Strukturen von Swiss Tennis meistens nicht mehr für die nötige individuelle Förderung.


Auch Swiss Tennis gibt AthletInnen weiter
Bei der 18-jährigen Jil Teilchmann, die neben der bereits etablierten Belinda Bencic als grösste Nachwuchshoffnung des Landes gilt, ist es nun soweit. Und siehe da – auch für Swiss Tennis ist es nicht ganz einfach diesen Schritt zu gehen. Denn selbstverständlich gehen die Coaches und die SpielerInnen über all die Jahre eine sehr enge und emotionale Bindung ein. In diesem konkreten Fall hat Nationaltrainer Kai Stentenbach Jil und ihr Umfeld vier Jahre lang intensiv und erfolgreich betreut. In dieser Zeit hat Kai mit einem Einsatz praktisch rund um die Uhr dazu beigetragen, dass aus einer talentierten Clubspielerin eine der besten Juniorinnen der Welt (ITF Top 3) und eine disziplinierte Sportlerin wurde. Natürlich gehört das zu den Aufgaben eines Nationalcoaches, aber jeder solchen Leistung gebührt grosser Respekt. Auf Stufe Nationaltrainer wie auch auf allen vorhergehenden Stufen, die einen Athleten bis zur nächsthöheren Stufe führen können.

Die « Externalisierung » von Jil wurde vor drei Monaten von der Abteilung Spitzensport pro-aktiv eingeleitet. Dabei wurde der ehemalige Swiss Tennis-Nationaltrainer und nun in Deutschland lebende Jens Gerlach kontaktiert, um eine Probephase  mit Jil zu machen, die gleich mit einem Turniersieg gekrönt wurde. Diese Massnahme war nicht gegen Stentenbach gerichtet, der ein ausgezeichneter Nachwuchstrainer ist. Gerlach kann sich jedoch ganz individuell um Jil Teichmann kümmern, während Kai Stentenbach seine wertvollen Erfahrungen wiederum an die nächste Generation an Athleten im NLZ weiter geben wird.


Unterstützung wird weiter gewährleistet
(Haupt-)Trainingsbasis von Jil bleibt das Nationale Leistungszentrum und die konditionelle Betreuung wird weiter durch Beni Linder sichergestellt (letzteres macht auch die Nummer 10 der Welt, Timea Bacsinszky so). Während Jils bisheriger Coach aus dem ordentlichen Nationaltrainer-Budget bezahlt wurde, wird Jens Gerlach, der Jil während 30 Wochen im Jahr betreuen wird, ab 2016 direkt von der Familie Teichmann finanziert. Swiss Tennis beteiligt sich dabei pauschal mit einer Ausbildungssumme an die neue Zusammenarbeit aus dem dafür vorgesehenen Davis- und Fed-Cup-Fonds (letzteres wurde auch für Roger Federer, Stefanie Vögele und Belinda Bencic gemacht). Die fehlenden Wochen werden – je nach Kapazität – von der Abteilung Spitzensport erbracht.

 

Für den Athleten, nicht für das eigene Ego
Was können wir zusammenfassend daraus lernen? Talentierte AthletInnen müssen möglichst « pro-aktiv » und zum richtigen Zeitpunkt an die nächste Stufe weitergegeben werden, denn als Coach bzw. als Institution muss man sich spezialisieren, damit man im eigenen Segment immer besser wird. Das gilt auch für Swiss Tennis. Wir predigen das aber nicht nur, wenn es um Athleten geht, die wir gerne im Leistungszentrum oder einer Partner Academy mit den entsprechenden erfahrenen Coaches sehen wollen. Wir gehen auch mit gutem Beispiel voran. Die eigenen Schützlinge weiterzugeben ist nie einfach, teilweise sogar emotional.  Und wo Emotionen im Spiel sind, droht die Gefahr, dass wahre Ziel aus den Augen zu verlieren. Und das ist in unserem Fall immer: die für den jeweiligen Athleten bestmögliche Förderung, damit möglichst viele Schweizer Tennisspielende im harten Profialltag bestehen, mit Freude und Stolz unser Land vertreten und damit beste Werbung für den Tennissport machen.

 

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